12.09.2026 | 20:30
Göttingen
Nörgelbuff
»Love Fragments« | Musik 21 Festival
Charlotte Mundy & Marina Kifferstein
Love Fragments (»پراکندهها از عشق«) besteht aus einem Zyklus von zehn Stücken, die auf zehn Liebesgedichten von Autor:innen beruhen, die wesentlich zur Metamorphose der persischen Lyrik hin zu vielfältigen modernen Formen beigetragen haben. Die ausgewählten Dichter:innen – Ahmad Schamlu, Sohrab Sepehri, Reza Baraheni, Bijan Jalali, Mohammad Mokhtari, Forugh Farrokhzad, Yadollah Royaee und Nima Yuschij – gingen jeweils ihren eigenen tiefgreifenden Weg, und doch sind sie verbunden: Sie erkundeten Wege, Liebeslyrik jenseits vertrauter sprachlicher Grenzen zu schreiben – entgingen damit der politischen Zensur und Repression im Iran. So wandten sich beispielsweise nach dem von der CIA unterstützten Staatsstreich von 1953, der Irans demokratisch gewählte Regierung stürzte und den Schah wieder als Diktator einsetzte, mehrere dieser Dichter:innen Themen der Liebe und der Erotik zu. Diese Wendung ermöglichte es ihnen nicht nur, der Zensur zu entgehen, sondern auch die Grenzen der persischen Liebeslyrik in neue sprachliche und konzeptuelle Territorien voranzutreiben. Sie beflügelten über Generationen hinweg die Fantasie der iranischen Jugend, indem sie die Möglichkeit des Wandels aufzeigten – nicht immer durch explizit politische Themen, sondern durch die poetische Einbildungskraft und eine neue Sprache der Liebe, die bis heute nachwirkt.
Ashkan Behzadi ist der Überzeugung, dass es inmitten der aktuellen globalen politischen Lage – geprägt von Krieg, Gewalt gegen Geflüchtete und Migrant:innen sowie regressiver Politik, häufig unter dem Vorwand der »Rationalität« – bereits eine Form des Widerstands ist, Verletzlichkeit, Zärtlichkeit und die zerbrechliche »Irrationalität« (oder schiere Vernunft) der Liebe, des Liebens und des Begehrens in den Mittelpunkt zu stellen. Love Fragments (»پراکندهها از عشق«) ist den 168 Schüler:innen gewidmet, die am 28. Februar 2026 in der Stadt Minab – am ersten Tag des Krieges der USA und Israels gegen den Iran – getötet wurden, als zwei amerikanische Tomahawk-Raketen ihre Schule trafen. Dieses Stück ist diesen jungen Schüler:innen gewidmet, denen die Chance geraubt wurde, jemals selbst zu lieben.
»Love Fragments« ist ein Porträtkonzert zu Ashkan Behzadi
Ashkan Behzadi (geb. 1983) ist ein in New York lebender iranisch-kanadischer Komponist. Er erwarb seinen Doctor of Musical Arts in Komposition an der Columbia University, wo er bei Fred Lerdahl, George Lewis und Georg Friedrich Haas studierte. Davor schloss er sein Studium an der McGill University mit einem Bachelor in Komposition und Musiktheorie ab. Hier arbeitete er kompositorisch mit Chris Paul Harman und Brian Cherney zusammen. Ashkan Bezadi ist Preisträger des Academy of Arts and Letters Awards 2026, des Ernst von Siemens Kompositionspreises 2025 und Guggenheim Fellow für Musikkomposition 2021–2022. Die Themen Genreidentität und Genregrenzüberschreitung sowie das dialektische Verhältnis zwischen modernster lyrischer Dichtung und zeitgenössischer Musik haben in den vergangenen Jahren den Kern von Ashkan Bezadis ästhetischem Anliegen gebildet. Strukturell zeichnet sich seine Musik durch große Detailgenauigkeit aus und vermittelt eine kleinformatige, zarte lyrische Landschaft. Durch den Einsatz von Techniken der Allusion und des Pastiches als Fundament sucht seine Musik letztlich die kollektive Erinnerung an Folkloremusik hervorzurufen. Im Porträtkonzert »Love Fragments« interpretieren die Sopranistin Charlotte Mundy und die Violinistin Marina Kifferstein seine Werke.
»Was sind das für Zeiten?« – Das Musik 21 Festival 2026
Schweigen oder Schreien? Agieren, reagieren — aber wie? Oder wegschauen? Im Spannungsfeld zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Schrei und Stille, entfaltet das Musik 21 Festival 2026 sein Programm und greift Bertolt Brechts Frage auf: »Was sind das für Zeiten?« – eine Frage, die auch heute nichts an ihrer Aktualität verloren hat.
»Was sind das für Zeiten?«, schrieb Bertolt Brecht 1934 in seinem Gedicht An die Nachgeborenen und klagte an, dass ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen sei, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließe. So reagierte er auf künstlerische Weise auf das Schweigen über die Untaten seiner Zeit, die unseren wohl ähnlich sind: Faschismus, Militarismus, Kriegs- und Vernichtungsbedrohung und nicht zuletzt eine hegemoniale Unempfindlichkeit. [Weiterlesen]