Thomas Langreder

Jule Hillmann.
- Flöte. Altflöte

Daniel Moreira. 
- Elektrische Gitarre & Elektronik

Ashley Hribar
 – Flügel

Tilman Muth – Marimba & Perkussion

Ehsan Ebrahimi
 – Santur. elektrische Santur

Daniel Moreira
 Maximilian Guth
 – Konzept & Künstlerische Leitung
Marijana Janevksa & NDR Team
 – Tonregie

the unanswered question – Charles Ives

interlude

musica ricercata – allegro con spirito – György Ligeti

***
out of doors: with drums and pipes – Béla Bartók

[un]pelo e sonsoso – Daniel Moreira (nach L. Marenzio)

interlude [un]clusic mapping – asambura ensemble. Daniel Moreira

***

mécanique des passions – Maximilian Guth

interlude

karanga -Maximilian Guth

***

[un]questioned answer?
Daniel Moreira. Maximilian Guth. asambura. Zuhörende (Neudeutung nach Ch. Ives)

Kleiner Sendesaal des NDR
Kleiner Sendesaal des NDR, Rudolf-von-Bennigsen-Ufer, Hannover, Deutschland

11.02.2024 | 20:00
Hannover
Kleiner Sendesaal des NDR

Musik 21 im NDR: [un]questioned answer

Asambura Ensemble

Einführungsgespräch um 19.30 Uhr

➡️ Digitales Programmheft

Ein Zyklus ausgehend von Charles Ives „The Unanswered Question“

Eine Musik wie ein Rätsel: In „The Unanswered Question“ (1908) von Charles Ives intoniert die Solotrompete sieben Mal unverändert die „ewige Frage des Seins“. Vier Holzbläser unternehmen in zunehmend dissonanter Unruhe Antwortversuche, die letztlich in den durchgehend konsonanten Streichersatz der „Schweigsamkeiten der Druiden“ münden. So rätselhaft beschrieb es Ives selber im Vorwort zu einer späteren Neuauflage seiner Komposition. Mit der asambura-typischen Experimentierfreude entsteht heute in [un]questioned answer ein expressives, eminent energiegeladenes Konzert zwischen klanglich neugedeuteten und rekontextualisierten Werken von Ives, Ligeti, Reich, Marenzio, Bartók und Guth. Eine äußerst abwechslungsreiche Instrumentation des akustisch-elektronischen Ensembles ist Basis für das Neuhören und Neudenken sowie das Loslösen von Klangstereotypen in diesem innovativen Zyklus. Gegensätze zwischen „natürlich“ erzeugten instrumentalen Farben (Holz, Metall: Marimba, Flöte) und „künstlich“ erzeugten (Elektronik: E-Gitarre, Synthesizer) spielen dabei eine besondere Rolle.

Die Komponisten des asambura ensembles, Daniel Moreira und Maximilian Guth, spinnen mit [un]questioned answer den losen Faden der ihrer Zeit weit vorauseilenden Komposition fort. Sie setzen „The Unanswered Question“ in den Kontext der Werke von Musiker*innen, die allesamt, wenn auch in ganz unterschiedlicher Weise, die Grenzen scheinbar festgesetzter Kompositionsregeln überschreiten.

Der Zyklus [un]questioned answer unternimmt es, mehr als nur einen Bogen ins Heute zu spannen. Er lädt ein, einen Kreis zu schließen, dessen ewige Schwingung auch weit zurückliegende Vergangenheit berührt. Der – hier ‘gekreiselte’ – Titel von „The Unanswered Question“, entstammt dem Gedicht „Die Sphinx“ des Transzendental-Philosophen und Poeten R. W. Emerson. Dessen Sphinx gibt die Frage nach der Existenz des Menschen an den Menschen selbst zurück: Er selber sei ja die unbeantwortete Frage. Im Moment dieser wechselseitigen Auflösung von Frage und Antwort schmilzt, zerfließt, verglüht und erblüht die in Stein gehauene Sphinx in Wolken, Wellen, Flammen, Farben …

Der lebenslang enge Bezug des Komponisten zu der äußerst einflussreichen, bis heute das Kultur-, Gesellschafts- und Wissenschaftsleben der USA prägenden Bewegung der Transzendentalisten beleuchtet weite Teile der Musik von Charles Ives. Zu dem zentralen Thema dieser Bewegung, dem Verhältnis von Mensch und Natur, schrieb Emerson: „Nature, in its ministry to man, is not only the material, but is also the process and the result. All the parts incessantly work into each other’s hands for the profit of man. The wind sows the seed; the sun evaporates the sea; the wind blows the vapor to the field; the ice, on the other side of the planet, condenses rain on this; the rain feeds the plant; the plant feeds the animal; and thus the endless circulations of the divine charity nourish man.“ Und an anderer Stelle: „Nature is not fixed but fluid.“

Spätestens heute ist in dramatischer Weise unübersehbar, dass wir Menschen dieses nährende Fließen mit zerstörerischer Wirkung ignorieren. In dem Maße, in dem die Frage nach der Existenz des Menschen diejenige nach seinem Verhältnis zur Natur ist und insofern dieses Verhältnis ein fließendes sein muss, weil ja die Natur selbst ein ewiges Fließen ist – in dem Maße sind auch Unanswered Question und [un]questioned answer Teil der Emersonschen „endless circulations of the divine charity“. Manche der Stücke des Zyklus‘ zitieren oder reflektieren die Natur, aber keines versucht, ihr Fließen zu illustrieren. Jedoch sind alle kompositorisch so fluide wie auch „The Unanswered Question“. Sie arbeiten mit nur scheinbar dissonanten Überlagerungen, mit sich nur scheinbar zufällig ereignenden konsonanten Begegnungen. …Vielleicht ist solche Musik einem Paralleluniversum vergleichbar, in welchem Kunst – in ihrer Entstehung, ihrer Performanz und ihrer Wahrnehmung – das Unerwartete, das nicht Beherrschbare, nicht nur zulässt, sondern sogar wünscht und den Raum dafür öffnet. Diese Musik behauptet keinerlei tagesaktuell eindeutig definierbaren Bezug. Sie fordert und fördert aber eine andere, immer noch unvertraute Offenheit für das Unerwartete und seine geheimnisvoll verborgenen Muster.

Der Zyklus wird grooven. Es kann etwas Unerwartetes passieren – interagierend mit den Zuhörer*innen und ihrer Natur, in überraschender, notwendig-zufälliger Weise.