(c) Gast Bouchet

05.09.2019 | 20:00
Hannover
u.a. Künstlerhaus Hannover, Literaturhaus Hannover, Kommunales Kino Hannover, Galerie Drees

Musik 21 Festival 2019 »Totalitarismus«

u.a. Marianthi Alexandri Papalexandri, Johannes Kreidler, Ensemble Adapter, Ensemble L'ART POUR L'ART, Matthias Loibner, Das Neue Ensemble, Orchester im Treppenhaus und Nelly Boyd

Unter dem Titel »Totalitarismus« findet vom 5. bis zum 8. September in Hannover das Musik 21 Festival statt.

Nachdem das Musik 21 Festival im Jahr 2018 in Gifhorn stattgefunden hat, kehrt es 2019 turnusgemäß nach Hannover und somit in den urbanen Raum zurück. Die künstlerische Programmatik des Musik 21 Festivals 2019 basiert auf der Erforschung der kulturellen städtischen Voraussetzungen und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen. Gleichzeitig spielen übergeordnete künstlerische Inhalte und Programmlinien eine wichtige Rolle. Im Zuge des Werteverfalls, der in unserer Zivilisation zu toben begonnen hat, wird neben vielem anderem auch die künstlerische Freiheit in Frage gestellt. Umso wichtiger sind Haltungen des Zweifels, der Hinterfragens und des objektiven Reflektierens. Musik ist eine unverzichtbare identitätsstiftende Lebenshilfe, die unser Sozialgefüge strukturiert.  Sollte eine verunsichernde Musik in den Alltag hinein dringen, wird sie daher gerne mit den Worten »das ist nicht meine Musik« unschädlich gemacht. Nun stimmt das, was ich beschreibe und stimmt (man darf schon hier das Zweifeln üben) auch nicht; denn die Musik hat ja im Laufe der Jahrtausende dennoch eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht. Die erste Übung des zugewandten Zweifels könnte darin bestehen, diese Zweifel überhaupt zu ertragen, in der Hoffnung einen breiteren Diskurs möglich zu machen, wobei es momentan so scheint, als würden in der zentraleuropäischen Kunstmusik Haltungen (Attitüden) bewundert und  gefordert,  die übertragen auf andere Lebensgebiete jedes demokratische Gefüge zum Einsturz bringen würden. Nirgends Zweifel, stattdessen (zumindest nach außen) Radikalität als unbedingte Tugend.

Merkwürdigerweise scheint die Idee der bedingungslosen Unterwerfung in der Musik eine besondere Anziehungskraft zu haben. Einige Forderungen an die praktizierenden Musiker nenne ich als Beispiel: die totale Selbstaufgabe und Unterwerfung unter das Diktum des Dirigenten und der Partitur oder auch des Metronoms. Absolute Forderung nach Tonalität (wenn es sich um konservativere Hörer handelt), nach Atonalität bei den sich fortschrittlich Fühlenden. Weitere Totalitarismen sind das Verbot von Timing und Periode bei Cage-Jüngern, im Gegensatz dazu das geflügelte Wort »It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing« bei den Jazzern, die mit der Floskel »das swingt nicht« Zweifelsfälle wegradieren. Stockhausen bewertete Instrumente danach, ob sie als chromatisch stimmbar sich seinen strukturellen Ideen unterwerfen können. So siegte oft die Tonhöhe gegen den ungestimmt freieren Eigenklang des Instrumentes.

 

Die Konzerte im Rahmen unseres Festivals können als Anregungen und Übungen in zugewandtem Zweifeln verstanden werden und somit als Ausgangspunkt zur Vermittlung unterschiedlicher Lehrhalte im schulischen Kontext dienen.